Zwangsstörungen bei unserem Hund "Herr Kaiser"

Hinweis: Meine Ausführungen auf dieser Seite sind hier rein privater Natur und erheben keinesfalls Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit sondern sind nur unsere ganz persönliche Erfahrungen zu dem Thema.

Unser Hund "Herr Kaiser" leidet an Zwangshandlungen (u.a. Pfotenlecken - und beißen). Wir waren 2007 auch Teilnehmer an einer entsprechenden Studie zu diesem Thema. Diese Studie fand statt im Rahmen der Doktorarbeit "Diagnostik bei Hunden mit abnormal-repetitiven Verhalten" an der Professur für Tierschutz und Ethologie der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

Der Unterschied zwischen "Zwangshandlungen" und "Stereotypien", kann wohl, wie beim Menschen auch, nur durch langwierige Tests nachgewiesen werden. Die korrekte Diagnose ist hier wichtig, da beide Krankheitsbilder einen unterschiedlichen Therapieansatz haben und falsche bzw. wie bei unserem Hund keine konkrete Therapie außer der "Verhinderungstaktik" das Leiden für Halter und Hund immer schlimmer werden lassen (unser Hund beißt sich seit Jahren alle 4 Pfoten blutig und muss 24 Stunden am Tag unter Beobachtung sein, das Leiden hat sich über Monate in Wellen verschlimmert bis zum heutigen Zustand).

 

Ich versuche den Unterschied zwischen "Zwangshandlungen" und "Stereotypien" jetzt mal "laienhaft" auszudrücken:

Bei einer Zwangshandlung kann der Hund einmal erlerntes Verhalten nicht oder nur sehr schwer wieder umlernen. Bei echter Zwangshandlung führt die mechanische Verhinderung dazu, dass der Zwang zu der Zwangshandlung immer größer wird, da der Hund die Handlung nicht "vergisst" sondern Stress bekommt, weil er diesen Zwang nicht ausleben kann. Ich würde mir von Herzen wünschen, dass wir das, was wir jetzt nach 8 Jahren wissen, schon damals gehabt hätten, vor allem auch im Sinne unseres Hundes, dem viel normales Hundeleben durch das Flüchten in Zwänge verschlossen geblieben ist :-(((


Im Folgenden unsere Erlebnisse im Rahmen der Studie, die ich so im Internetforum des Hunde-Freizeitvereins "Dogs and Fun" aufgeschrieben habe:

--------------------------------------------------
Verfasst am: 07.05.2007, 19:15 Uhr im Forum von http://www.dogs-and-fun.de

So, Ihr Lieben...

...hinter uns liegen 3 Tage und insgesamt ca. 20 Stunden Tests, Befragungen und Beobachtungen... jetzt bräuchte ich Urlaub :-)

Die Fakten & das Ergebnis mal in Kurzform: 

- Kaiser kam vor 6 Jahren schon mit offener Pfote zu uns (Tierheimhund aus Spanien)
- das Lecken wurde wellenförmig schlimmer (mal ne Woche lang lecken, dann mal ein paar Tage gar nicht....etc)
- es steigerte sich vor 3 Jahren mit dem Einzug des 2.Hundes auf 24 Stunden lang alle 4 Pfoten.
- alle Untersuchungen negativ (mehrfach) keine organischen Auslöser, keine Allergien, keine Parasiten
- die komplette Litanai an Futterumstellungen, Homöopathie, Bachblüten, mechanischen Verhinderungen etc. haben wir 7 Jahre erfolglos durchprobiert
- je mehr man mechanisch verhindert (Trichter-Kragen, Maulkorb), desto schlimmer wird es.
- Nachts trägt er immer 4 Pfotenschutzschuhe, hält ihn nicht ab, aber damit kann er sich nicht so schnell verletzen und ich werde mittlerweile schon bei den kleinsten Schmatzgeräuschen wach und halte ihn dann von den Pfoten ab.

Die Studie

In der Zeitschrift "der Hund" laß ich davon, dass Probanden für eine Studie "Zwangsstörung oder Stereotypie? Untersuchungen zur Diagnose und Klassifizierung von abnormal-repetitiven Verhaltensweisen bei Hunden gesucht werden http://www.uni-giessen.de/vet-tierschutz/zwangsstoerung.htm

Vorbereitung auf die Test: 

"Ziel des Trainings ist es, das Ihr Hund vor der Versuchsanlage sitzen bleibt, auf Kommando losläuft, um einen Gegenstand mit der Nase zu berühren und anschließend wieder zu Ihnen zurückkehrt."
 

Test-Ergebnisse in Kurzform (sofern direkt auswertbar):

Kaiser kann nicht flexibel, also "umdenkend" denken, d.h einmal gelerntes Verhalten vergisst der so gut wie nie mehr. Beim ersten Test hatte er durch Wiederholung gelernt, dass es bei 2 verschiedenen Gegenständen (Ball und Hantel) die Belohnung nur beim Ball gibt. Bei Stufe 2 wurde jetzt aber nicht mehr der Ball sondern die Hantel belohnt. Wo ein gesunder Hund recht schnell merkt, dass die Belohnung jetzt beim anderen Gegenstand kommt, rennt Kaiser unbeirrt weiter zum Ball, obwohl im das jetzt keinen Erfolg=Leckerchen einbringt. Und so ähnlich waren das auch die weiteren Test aufgebaut...

Kaiser hatte also vermutlich wirklich mal eine Verletzung an der Pfote und hat dran geleckt und gemerkt, dass ihm das gut tut. Verknüpfung: Lecken=wohlbefinden. Er hat dann weiter geleckt ohne darüber nachzudenken, dass das Lecken ja nix mehr bringt, wenn die Pfote heilt ist. Im Köpfchen gespeichert ist halt Lecken=Wohlbefinden.....und so verselbständigt sich das mit der Zeit und wird immer schlimmer.

Es gibt ja auch Menschen, die sich zwanghaft die Hände waschen müssen. Und je mehr man die Menschen/Hunde davon abhält umso stärker wird der innere Drang unbedingt die bestimmte Handlung ausführen zu müssen.

Fazit: 

Es gibt bei einem Hund, der mindestens schon 6 Jahre lang diese Zwangshandlungen immer weiter verfestigt hat, kaum eine Aussicht auf das Leben als "normaler Hund". Wir versuchen nun, mit geregeltem Tagesablauf, viel Beschäftigung/Ablenkung und der Unterstützung von Psychopharmaka zumindest dem Hund im normalen Tagesablauf und nachts die innere Ruhe geben zu können "abzuschalten". In den Ausnahmesituationen wie Türklingeln, Besuch, Telefonklingeln in denen sich das Verhalten zu 100% gefestigt hat, wird mal vermutlich keine vollständige Besserung erreichen können. Diese Situationen müssen halt so weit wie möglich vermieden werden....

Nachwort: 

Der Hund ist eine Strafe Gottes, unser Leben seit wir ihn haben sehr diszipliniert und durchorganisiert, für Aussenstehende schwer verständlich und meist nicht nachvollziehbar, aber ich liebe ihn trotzdem und wir werden zusammen alt!
 

Nachtrag 19.6.2008:

Die Psychopharmaka haben wir nach 3 Monaten wieder abgesetzt. Das Verhalten sitzt zu tief, er hört erst auf, wenn er kurz vorm Dauerschlaf ist, aber das ist auch kein Hundeleben und somit für uns keine Alternative. Dann lieber so weiter wie die letzten Jahre auch, denn wie bei einem Säugling entwickelt man eine Tagesroutine und empfindet die Situation der "Dauerüberwachung" dann auch nicht als sooo schlimm, wie es vielleicht auf Außenstehende wirken mag. 

Nachtrag Frühjahr 2014:

Lange Zeit ist seit dem letzten Eintrag vergangen, weil es im Grunde auch nichts Neues zu berichten gibt. Ein Faktor kommt uns aber die letzten Monate doch sehr zu Gute: Kaiser ist nun 15 Jahre und alte fast taube Hunde haben einen Tierschlaf wie ein Säugling. Echt, da kann ein Düsenjet neben starten, wenn die schlafen dann schlafen die und das tun sie auch sehr häufig und sehr lange. Also werde ich schon seit mehreren Monaten nicht mehr 10x in der Nacht wach, weil sich der Hund die Pfoten leckt, denn der pooft fast die ganze nacht durch! Letzte Nacht hab ich mal probeweise hinten die Hundeschuhe weg gelassen (vorne hab ich mich nicht getraut) und siehe da, hat er nicht gemerkt und die ganze Nacht wie ein Stein durch geschlafen heart